Die Armenische Kirche – Das Leiden dieses Volkes ist immer noch allgegenwärtig

Die Armenische Kirche – Das Leiden dieses Volkes ist immer noch allgegenwärtig

Einen anderen Glaubensansatz als die Russisch-Orthodoxe Kirche finden wir in dieser Kirche.
Exemplarisch möchten wir dabei nun noch auf den Besuch der Armenischen Kirche eingehen, die
wir bereits bei unserem Besuch in NN 2018 kennengelern hatten. Damals stand der Völkermord an
den Armeniern als einer der Kernthemen im Raum. „Der Völkermord an den Armeniern war einer
der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des Ersten
Weltkrieges unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt
gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Die Armenier bildeten nach den Griechen die
zweitgrößte christliche Minderheit im Osmanischen Reich Die Ereignisse, die von den Armeniern
selbst mit dem Begriff Aghet („Katastrophe“) bezeichnet werden, sind durch umfangreiches
dokumentarisches Material aus unterschiedlichen Quellen belegt. Weltweit erkennen die weitaus
meisten Historiker diesen Völkermord daher als Tatsache an. Die Armenier sehen in ihm ein
ungesühntes Unrecht und fordern seit Jahrzehnten ein angemessenes Gedenken auch in der Türkei.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern)
Realität war: „… Der Völkermord an den Armeniern war einer der ersten systematischen Genozide
des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des Ersten Weltkrieges unter Verantwortung der
jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen
Reichs. Bei Massakern und Todesmärschen, die im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916
stattfanden, kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu
Tode“ https://de.m.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern)
Dieser erneute Besuch ermöglichte die Fortführung einer Diskussion mit Pater Sebeos zur
Werteerziehung. Hier kam die Bedeutung eines Generationenvertrags zur Sprache. Die Freiheit des
Einzelnen liege nicht darin, sein Geschlecht zu bestimmen, wie es heutzutage bei uns oftmals
propagiert wird. Vielmehr gehe es darum, sich Gott zu öffnen, also sich mit dem Wertehorizont der
armenischen Tradition zu verbinden.Von daher habe jedwede Euthansiediskussion in einer Kirche
unter christlichem Aspekt keinen Platz.

Die Verantwortung vor Gott und dem Menschen gegenüber
beinhalte ein elementares Streben nach kooperativer Verbundenheit auch der Generationen
untereinander und der Achtung eines jeden Lebens von Beginn an bis zu seinem natürlichen Ende.
Entsetzen in der Armenischen Kirche über westliche Propaganda für asssitierten Suizid
Der Kirchendiener war entsetzt darüber, daß etwa eine Vertreterin der evangelischen Kirche in
Höchstadt mittels des Filmes „Am Ende ein Fest“ den assistierten Suizid beworben hatte. Die
Euthanasiedebatte jedoch, ein absolutes Tabuthema in Rußland, hatte bereits 1995 medial
aufbereitet im Rahmen einer Talkshow mit dem evangelischen Fernsehpfarrer Jürgen Fliege
„Warum hilft mir denn in in den Tod“ im Bayerischen Rundfunk seinen Anfang genommen. Jürgen
Fliege konnte dabei ohne Konsequenzen seitens der Evangelischen Kirche zu gewärtigen, im
Bayerischen Rundfunk (!) über offensichtlich lebensunwertes Leben mit Unterstützung aus Holland
schwadronieren. Bereits bei dieser Propaganda-Sendung1 – die im Nachmittagsprogramm zur
Kindersendezeit lief – konnte man fast glauben, im Jahre 1941 in dem Propagandafilm „Ich klage
an“ zu sitzen. Dieser Film sollte die Möglichkeit bieten, „die ablehnende Haltung vieler Menschen
der Euthanasie gegenüber aufzuweichen“ (Rost, Sterilisation und Euthanasie, S. 153).
Die Mitleidstötung stellt hierbei zugleich das Einfallstor für die Propagierung der Vernichtung
„unwerten Lebens“ dar. In der im Film arrangierten Geschworenenszene plädieren einige
Geschworene eindeutig für Sterbehilfe und erwägen Gesetzesänderungen ( vgl. Hachmeister, S.,
Kinopropaganda gegen Kranke, Baden-Baden 1992, S. 148ff). So schlägt einer der Geschworenen
Euthanasie als Aufgabe des Staates vor: „Überhaupt dürfte das doch kein Arzt nach freiem
Ermessen machen. Man müßte Kommissionen einsetzen aus Ärzten und Juristen, richtige
Gerichtshöfe, aber man kann doch nicht länger zusehen, wie sich Tausende von Menschen, die in
früheren Zeiten längst eines sanften Todes gestorben wären, heutzutage unter furchtbarsten
Schmerzen jahrelang hin quälen müssen, bloß weil die Ärzte es fertigkriegen, ihr elendes Leben
künstlich zu verlängern“ ( Leiser, E., „Deutschland, erwache!“, Hamburg 1989, S. 132 ). Der
angeklagte Arzt Heyt steht entschlossen zu seiner vorgeblich „humanen“ Tat und klagt in seinem
Schlußwort die „überkommenen Gesetze“ an.
1 „Warum hilft mir denn keiner in den Tod? Tabuthema Sterbehilfe“ ARD vom 27.3.1995, Brief von Werner Schramm
an den Intendanten und den Aufsichtsrat des BR vm 31.05.1995
Flieges Talkshow könnte man auch als ein Plädoyer für eine „Ästhetisierung des Tötens“ verstehen.
Die Botschaft, die damals wie heute den Zuschauer erreichen soll, scheint in der Verknüpfung von
„Euthanasie“ mit der Gleichung „Tötung ist Liebe“ zu liegen. Zu recht kann das nun als ein
Paradigmenwechsel von einer Kultur des Beistands und der Sorge hin zu einer Kultur des Todes
gesehen werden2.
In Holland, das als Vorbild für eine „Bürgerversicherung“ gelten könnte, wie es nur nach meiner
Erinnerung einmal kurz gemeldet wurde, ist Euthanasie wir in Belgien ab einem gewissen Alter
möglich. Heute ist es u.a. Herr Lauterbach (SPD) der dem assistierten Suizid das Wort redet:
„… technisch sind viele Arten des assistierten Suizids denkbar. Sobald ein Arzt beteiligt ist, sinkt in
jedem Fall das Risiko, dass die Selbsttötung misslingt. Das passiert häufig, wenn sich jemand allein
umbringen will oder einen Helfer hat, der davon nichts versteht.”3 Nun scheinen erfahrungsgemäß
Rot-Grün mit Menschenleben kein Problem zu haben, man denke nur an die völkerrechtswidrigen
Überfälle, dem Kosovokrieg und dem Irakktrieg. Allerdings:
„Wir Menschen sind in der Lage, ein antisuizidales Klima in unserer Gesellschaft zu schaffen, das
Mut macht und Hoffnung weckt für ein Leben bis zum letzten Atemzug. Beispiele hierfür gibt es
genug.“4 „Der assistierte Suizid löst kein humanitäres Problem unserer Gesellschaft; er schafft
stattdessen Unsicherheit und Angst, er zerstört die Solidarität der Menschen im Angesicht von Leid
und Endlichkeit unseres Daseins. Lassen wir uns von dem scheinbar rationalen Kalkül eines
kontrolliert herbeigeführten Todes nicht blenden. Wir brauchen keine mitleidigen Todeshelfer
sondern mitfühlende Lebenshelfer.“5
Christliche Erziehung in Familie muß empathisch die spontane Anteilnahme auch mit dem ältren
Menschen vermitteln. Wir waren uns mit dem armenischen Kirchenvertreter darüber einig, daß der
Westen die Propagierung einer Kultur des Todes beenden sollten. Der Pater forderte mit dem
Apostel Paulus, daß man die Wahrheit erkennen solle und zwar die Wahrheit so, wie sie sei und
dies zuerkennen, das sei die Freiheit. Die Freiheit besteht nicht darin, sich das Geschlecht
auszusuchen, sondern in der christlichen Welt bestehe sie darin, sich Gott zu öffnen. Das schließt
jeden Gedanken an assistierten Suizid oder gar Euthanasie aus, was der Pater absolut klarstellte.
Dies eventuell sogar als evangelisches Verständnis von Seniorenarbeit hier in Deutschland zu
verkaufen, stößt in Rußland auf komplettes Unverständnis. Als Christenmensch kann man das
keinesfalls als einen Weg für alte Menschen ansehen, ihr Leben zu beenden.
Sein Schwiegervater, genauso wie die vier Kinder, wohnt mit im gemeinsamen Haus. Dieser habe
das Alter erreicht, indem er etwa beim Aufstehen auf Hilfe angewiesen sei und die Kinder geben sie
ihm selbstverständlich. So habe er sie Kinder angeleitet und danke jeden Tag Gott dafür, daß der
Schwiegervater noch lange bei ihm bleibt. Das entspreche seinen christlichen Grundsätzen.
Mitbürger, die dafür eintreten, das „Leiden“ amderer zu beenden, wollen doch nur gut leben und
keine Sorgen haben, seien gut situiert, empfinden anderen zu helfen als Belastung und wollen das
wegwischen. Das sehe er als ein leeres Leben an. Dahinter jedoch stehen dank Gobalisierung und
Monetarisierung die Bestrebungen, so viele Alte wie nur möglich als überflüssig zu beseitigen. Es
ist eine Sünde, Mord als Hilfe darzustellen, Prostitution als Arbeit oder gar Liebe zu behaupten.
Deshalb sei die Welt so in Unordnung.
Weder die Evangelische noch auch die Katholische Kirche haben sich bislang von diesen
glaubenszersetzenden Strömungen distanziert. So findet sich nach wie vor im Verleihprogramm der
Erzdiöszese Bamberg trotz Protesten bis nach Rom der Film „Das Leuchten de Erinnerung“ (Stand
2020). Hier ermordet eine selbst unheilbar an Krebs erkrankte Frau zuerst mit Autoabgasen ihren
schwer dementen Ehemann und nimmt ebenfalls sich damit dann das Leben, um den Kindern nicht
zur Last zu fallen.
2 „Für eine Medizin und Pflege der Zuwendung“, Effizienzdenken gefährdet Grundlage der Pflege, von Prof. Dr. med.
Giovanni Maio, https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2019/nr-22-8-oktober-2019/fuer-eine-medizin-und-pflege-derzuwendung.
html
3 https://mobil.stern.de/politik/deutschland/sterbehilfe–lauterbach-und-hintze-wollen–dass-assistierter-suizid-legalwird-
3828708.html
4 „Paradigmenwechsel von einer Kultur des Beistands und der Sorge hin zu einer Kultur des Todes“, Pressemitteilung vom

  1. Februar 2020, http://kein-assistierter-suizid.de/presseerklaerung
    5 Axel W. Bauer, „Die vermeintlich zwingenden ökonomischen Hintergründe des assistierten Suizids und ihre humane
    Überwindung“, Broschüre des Arbeitsbündnisses „Kein assistierter Suizid in Deutschland!“, herausgegeben anlässlich
    des Weltpsychiatriekongresses in Berlin, Oktober 2017
    Bildung erlernt sich nur von einem lebendigen, wertebewußten (Eltern)Vorbild
    Nein, da ist der Pater überzeugt: Kinder lernen von ihren Eltern und von daher müsse man immer
    wieder mit ihnen reden – auch damit sie statt den sozialen Netzwerke sich den wirklichen
    Lebensaufgaben zuwenden. Kinder halten sich nicht im leeren Raum auf, vielmehr nehmen sie sich
    dann an demjenigen ein Vorbild, der ihnen etwas bedeutet und mit dem sie sich vertrauensvoll
    verbunden fühlen. Wer jedoch selber mit zerrissenen Kleidern herumläuft, kann nicht erwarten, daß
    sich seine Kinder sauber anziehen. Vorbild entfalten muß auch den Lehrer, der eine Klasse zu einer
    Schülergemeinschaft auch im christlichen Sinne formen will. „Zwar steuert ein guter Lehrer laut
    dem neuseeländichen Unterrichtsforscher John Hattie den Unterricht von der ersten bis zur letzten
    Minute. Er nimmt hierbei jedoch – das ist das Besondere – immer die Perspektive seiner Schüler
    ein. ‚Ein guter Lehrer sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler‘“6, sagt Hattie.
    Wie das genau funktioniert, erklärt er in seinem zweiten Buch, das 2011 „Visible Learning –
    Lernen sichtbar machen“ erschienen ist. John Hattie plädiert für eine Pädagogik der permanenten
    Selbstreflexion. Schlagwortartig: Kooperation ist notwendig, d.h. alle Bereiche wie Lehrperson,
    Elternhaus und Unterricht stehen in einem Wechselwirkungsverhältnis zueinander. Deutlich ist
    auch, daß Schulstrukturen kaum über Leistungserfolge entscheiden. Bedeutsam erscheint auch, ob
    Lehrpersonen ihr Wissen mit Leidenschaft und Kompetenz weitergeben können. Gute Schule ist
    mehr als effektive Schule.
    Statt also, wie heute vielerorts zu beoachten ist, es einer Vergötterung der Individualität des im
    Grunde an einsam bleibenden Kindes vor zahllosen Lernmaschinen gleicht, bedürfte es der
    kundigen Hand eines erfahrenen Lehrers, damit die Schüler zu einer Gemeinschaft werden können,
    in der sie alles, was sie später zur Mitgestaltung in unserer Gesellschaft brauchen, erlernen können.
    Damit werden sie demokratiefähig. „Das fällt alles in den ‚Lernbüros‘ weg, wo jeder einzelne nur
    sein Fortkommen im Blick hat. Der Mitschüler zählt dabei nicht oder stört gar.“7
    Hingegen gil nach Hattie für den Lehrer: Strukturiert und disziplinbewusst, fachbezogen und stets
    im Mittelpunkt des Geschehens. „Die ganze Persönlichkeitsentwicklung der Kinder kann aber nur
    an der Person seines erwachsenen Gegenübers erfolgen. Dessen muss sich der Lehrer bewusst sein.
    Er ist derjenige, an dem sich die Kinder orientieren, der ihnen einen Weg aufzeigt. Das bedeutet, sie
    brauchen einen vom Lehrer strukturierten und geführten Unterricht, in dem er kleinschrittig mit
    genauer Anleitung und Korrektur vorangeht. Dadurch, dass eine Beziehung zwischen dem Lehrer
    und den jungen Menschen entsteht, sind ein Erfassen, ein Ermutigen und ein gezieltes Unterstützen
    des Kindes möglich. Dazu gehört auch, dass der Lehrer von den Schülern etwas einfordert. Da
    braucht es einen persönlichen Bezug. Die Grundschullehrer könnten das voll ausfüllen, weil hier
    auch noch das Klassenlehrerprinzip herrscht. Sie könnten die Kinder zu diesem Nachreifen bringen.
    Dieser logisch aufgebaute und strukturierte Unterricht und die Beziehung zwischen Lehrer und
    Schülern sind die Grundlagen für den erfolgreichen Unterricht.“8
    Warum der hochstilisierte Roman „Tschick“ Mark Twain nicht das Wasser reichen kann
    Wir berichteten dem Pater exemplarisch von Lehrern und Schulen, die den hochgelobten
    Jugendroman „Tschick“ als wertvolle Jugendlektüre für jugendliche Kulturarbeit behaupten. Der
    Roman paßt in eine Zeit, in der Jugend auf eine entfesselte, globalisierte und digital überwachte
    Zukunft vorbereitet werden soll, in der sie ihren Lebensunterhalt frei von Heimat und persönlichen
    Bindungen unter allen Bedingungen, verstreut über viele Länder, bereit ist zu fristen. Für „Freiheit“
    und „Abenteuer“ im Niemandsland?
    Auf die Frage, warum er mit „Tschick“ einen Jugendroman geschrieben hat, antwortete Wolfgang
    Herrndorf in einem Gespräch mit der FAZ:[2]
    „Ich habe um 2004 herum die Bücher meiner Kindheit und Jugend wieder gelesen, „Herr der
    Fliegen“, „Huckleberry Finn“, „Arthur Gordon Pym“, „Pik reist nach Amerika“ und so. Um
    herauszufinden, ob die wirklich so gut waren, wie ich sie in Erinnerung hatte, aber auch, um zu
    sehen, was ich mit zwölf eigentlich für ein Mensch war. Und dabei habe ich festgestellt, dass alle
    Lieblingsbücher drei Gemeinsamkeiten hatten: schnelle Eliminierung der erwachsenen
    6 http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning/seite-4
    7 Kinder brauchen einen vom Lehrer strukturierten und geführten Unterricht, Dr. Elke Möller Nehring,
    https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2015/nr-910-31-maerz-2015/kinder-brauchen-einen-vom-lehrer-strukturierten-undgefuehrten-
    unterricht.html
    8 Dr. Elke Möller Nehring, A.a.O.
    Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser. Ich habe überlegt, wie man diese drei Dinge in einem
    halbwegs realistischen Jugendroman unterbringen könnte. Mit dem Floß die Elbe runter schien mir
    lächerlich; in der Bundesrepublik des einundzwanzigsten Jahrhunderts als Ausreißer auf einem
    Schiff anheuern: Quark. Nur mit dem Auto fiel mir was ein. Zwei Jungs klauen ein Auto. Da fehlte
    zwar das Wasser, aber den Plot hatte ich in wenigen Minuten im Kopf zusammen.“ – Im Gespräch:
    Wolfgang Herrndorf, FAZ vom 31. Januar 20119
    Oberflächlich betrachtet geht es um „die schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen“
    und eine „große Reise“. Der fragwürdige „Freiheitsbegriff“ Herrndorfs bedarf hierbei einer
    kritischen Betrachtung. Es werden zwei junge Menschen – Maik und Tschick – in einer
    Gymnasialklasse gezeigt, die entwurzelt und bindungslos erscheinen. In ihrer Biographie scheinen
    sie das schädliche Gift einer pessimistischen Lebensperspektive erlebt zu haben. Der eine aus
    gutbürgerlichem Elternhaus in einer Berliner Ghettosiedlung, Mutter Alkoholikerin, Vater vergnügt
    sich mit einer anderen Frau, der andere Rußlanddeutscher, der mit seinem Bruder nach Deutschland
    gekommen ist. Maik wird in seiner Klasse als Außenseiter und als sehr guter Sportler und Zeichner
    beschrieben. Tschick, der Rußlanddeutsche, kommt manchmal auch betrunken zum Unterricht,
    wirkt cool und glänzt punktuell durch gute Deutschleistungen. Wie er das Gymnasium erreichen
    konnte, bleibt unklar. Einmal geht Maik aus sich heraus, beschreibt in einem Deutschaufsatz den
    Alkoholismus seiner Mutter, was jedoch vom Lehrer nicht gewürdigt wird, im Gegenteil.
    Sommerferien stehen an. Die Mutter verbringt wieder einmal ihre Zeit in einer Entzugsklinik, der
    Vater vergnügt sich derweil mit seiner Assistentin. Die bevorstehenden Sommerferien, die Maik
    dadurch alleine verbringen wird, werden vom Lebensgefühl her mit „Langeweile“ und „Lust auf
    Abenteuer“ charakterisiert. Tschick kommt mit einem geklauten Lada Niva zu Maik und will mit
    ihm zum Großvater in die „Walachei“ reisen. Es soll eine Reise werden, wie „normale Leute“.
    Karten haben sie nicht und unterwegs muß Benzin besorgt werden. Dafür suchen sie einen Schlauch
    auf einer Müllkippe, um Benzin aus anderen Autos zu stehlen. Bei der Bewältigung hilft ihnen Isa,
    äußerlich völlig verwahrlost und aus einer psychiatrischen Einrichtung entwichen, die sie eine
    Strecke lang begleitet. Die Reise geht rücksichtlos durch Feld und Wiese. Tschick baut einen
    Unfall, der Wagen überschlägt sich, der Junge wird durch den Feuerlöscher einer Hilfeleistenden
    verletzt, muß ins Krankenhaus, erhält einen Gipsverband und Maik muß nun nach seiner Anleitung
    weiterfahren, nachdem Tschick aus dem Krankenhaus geflüchtet ist: Dort wo Hilfe, Unterstützung,
    vielleicht auch ein Ausweg aus verfahrener Situation aufschimmern könnte – was ist an dieser
    ziellosen Handlung weitere „Freude am Erleben“, was ist daran „heldenhaft“ o.ä. ?
    Am Ende landen die Jungen bei der Polizei, es kommt zu einer Gerichtverhandlung. Maik wird zu
    gemeinnütziger Arbeit, Tschick zu einer Heimunterbringung verurteilt. Zusammengefaßt besteht
    die „Freiheit“ und „Freude am Erleben“ der Jungen in kriminellen Handlungen wie dem Stehlen
    eines Autos und Benzin, einer rücksichtslosen Odyssee durch den Osten Deutschlands, sowie
    Kontakt mit der Polizei. Thematisiert werden auch eine trostlose Umwelt in einem
    Braunkohlerevier, pubertäre Gefühlsstürme mit dem anderen Geschlecht. Ihre kriminelle Aktion,
    die Flucht aus dem realen Leben mit seinen Anforderungen macht sie für einen Moment in der
    Klasse interessant.Am Ende beginnt das neue Schuljahr.
    Der Roman betont negative Seiten des Lebens verbunden mit einer gewissen verwahrlosten
    Realitätsfremdheit, die als „Freiheit“ gefeiert wird. Berlin-Marzahn – eine Ghettosiedlung aus der
    man nur ausbrechen kann? Mit den erwachsenen Eltern-/Lehrer-Vorbildern als karrikaturenhafte
    Anklage gegen eine trostlose Gesellschaft? Es gibt sie natürlich, die Ausgrenzungen, die Flucht in
    Subkulturen, keine Frage. Daß Kinder und Jugendliche gerade von Eltern nicht weggehen können,
    wo sie Beziehungslosigkeit oder Ablehnung in verschiedenen Formen erfahren, ist bekannt.
    Gefühlsmäßige Entwurzelung, Bindungs- und Verantwortungslosigkeit sowie mangelnder Mut im
    Leben charakterisieren eine Generation „als Opfer der Leisure-pleasure-‚Kultur‘, des schmutzigen
    Drogengeschäfts und des Konsumterrors.“ Dadurch „geraten viele Jugendliche häufig in einen
    Gefühlszustand der Sinnleere, der Orientierungs- und Perspektivlosigkeit.“10 Hinzu kommt
    gegenwärtig, daß das Digitale das Soziale verdrängt – und Jugendliche schwächt. Im Roman wird
    lediglich das Spiel mit einer Playstation erwähnt.
    9 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/im-gespraech-wolfgang-herrndorf-wann-hat-es-tschickgemacht-
    herr-herrndorf-1576165.html
    10 Über die Bedeutung der Elternbindung im Jugendalter, Zeit-Fragen Nr. 50/51, 21.12. 2001
    Wie jedoch ist es möglich, daß Tschick betrunken in den Unterricht kommt und das anscheinend
    keine Folgen hat? Muß es ein junger Mench nicht als Desinteresse, als Gleichgültigkeit erleben?
    Und die Mitschüler, die das Drama hilflos mit anschauen müssen? Im Ergebnis schwächt es alle
    Beteiligten, denn für den Schwächeren bedeutet es, unter Umständen kaschieren zu müssen, daß er
    sich wenig bis nichts zutraut, unentschlossen wirkt mit Furcht vor dem Leben, lernt, den Nächsten
    als Feind betrachten, ungelenke, manchmal erfolgreiche Versuche macht, sich zur Geltung zu
    bringen (cool sein) und nicht als Niemand zu erscheinen. Wer sich als Außenseiter fühlt oder es ist,
    möchte nichts lieber, als dazuzugehören. Wie ist es für ein Kind, einen Jugendlichen, sich heimatlos
    zu fühlen? Wichtig wäre das Erlebnis bei erwachsenen Vorbildern, von diesen ernst genommen, als
    gleichwertig angesehen und nicht durch Herabsetzung als komisch betrachtet zu werden. Ein Lehrer
    darf in einer Klasse keine Unterschiede im Ansehen der Schüler untereinander aufkommen lassen
    und muß dem aktiv entgegensteuern.
    Was im Roman fehlt, ist jeder positive (Lebens)Ausblick, Berufsperspektive, Familie – was bleibt:
    Maik klammert sich am Ende im Swimmingpool an die alkoholkranke Mutter. Es ist wie eine
    Aneinanderreihung von Katastrophen, Verstrickungen, die nur noch ins Aus führen. Familie aber
    auch Schule gilt „nur noch als Sozialaggregat, als temporäre Verklumpung von Ichlingen“,
    desgleichen gerät Gesellschaft zu einer Begegnungsstätte von mal positiv, mal negativ erlebten
    Zufallsbekanntschaften, die aneinander Funktionen erfüllen (z.B. Versorgung mit einer gesunden
    Mahlzeit). Diese Funktionen können jederzeit durch andere Funktionsträger übernommen werden.
    In einem wie von Herrndorf gezeichneten schematischen Zerrbild gesellschaftlicher Institutionen
    wie Psychiatrie, Schule und Familie, aus denen der Einzelne nur „ausbrechen“ kann, „verliert die
    Familie aber jegliche Widerstandskraft gegen den Zugriff von politischen und ökonomischen
    Interessen und die Menschen verlieren einen geschützten Raum privater Verwurzelung.“11
    Akzeptanz von Jugendverwahrlosung im deutschen Schulwesen?
    Abweichendes bis delinquentes Verhalten – hier Auto- bzw. Benzindiebstahl – wird offensichtlich
    zur Normalität erhoben. Der Roman erscheint als Plädoyer einer vollumfänglichen Zurücknahme
    jeder erzieherischen Anleitung: Es zielt auf absolute Selbstverantwortung in einem Leben völliger
    Beliebigkeit. Das jedoch bedeutet den Verlust einer für eine Gesamtgesellschaft verbindlichen
    Ethik. Der im Roman vernehmbare Aufruf zu einer absoluten Toleranz bedeutet im Endeffekt über
    den Werteabbau einen Übergang zu einem absoluten Werterelativismus. Einrichtungen wie
    Psychiatrie, Schule und Familie erscheinen als Schuldige am Elend des einzelnen Menschen, des
    psychisch Kranken, des Schulversagers und des Aussteigers. Für eine gewisse Zeit schaffen sich die
    Jugendlichen eine Gegenwelt, die Freiheit im Sagen und Handeln verschafft, außerhalb der
    gesellschaftlichen Konventionen und Verbote. Am Ende wird geschildert, wie die kranke Mutter
    Maiks Mobiliar in den Swimmingpool wirft. Maik bleibt mit dieser kranken Mutter auf dem Grund
    des Swimmingspools sitzen, während die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, um die Mutter von
    weiteren destruktiven Aktivitäten abzuhalten.
    Eigentlich wird in der Familie der Grundstein dazu gelegt, was zum Gemeinschaftsgefühl ausreifen
    kann. Die Verbindung zum Du, zum Mitmenschen wird hier gelebt. Sie kann gefördert werden und
    sich entfalten. Die Beziehung zu Geschwistern aber auch zu den Eltern bzw. Großeltern ist ein
    schönes Feld, dies zu entwickeln, zu einem realitätsbezogenen Mitmenschen angeleitet zu werden.
    Hier im Roman besteht die „Entwicklung“ im Scheitern vor allem an den Erwachsenen. Statt zu
    zeigen, wie einem jungen Menschen zu einem strukturierten Leben verholfen werden kann, damit er
    die Schule endlich erfolgreich wahrnimmt, zeigt Herrndorf das Abgleiten in unproduktive
    „Freiheits“phantasien, einer Flucht. Doch wie kann dieser Prozess durchkreuzt werden? Was
    bedeutet konsequente Erziehung ohne das Gefühl zu haben, dem Kinde damit etwas anzutun? Wie
    können wir alle zu mehr sozialer Verbundenheit beitragen, sich im Wechselspiel mit dem anderen
    nah zu fühlen?
    Der Neokolonialismus lebt, wie der Pater aufzeigt
    Die globalisierte Wirtschaft dient nicht mehr dem Menschen, sondern sie bedient sich der
    Menschen als Humankapital. Vielfach muß ein Elternteil auswärts arbeiten, oft wochenlang von der
    Familie getrennt, was entfremdend wirken kann. Oft haben Eltern – gezwungenermaßen aber auch
    Lehrer – das Gefühl, mit einer klaren Stellungnahme und klaren Zielvorgaben tue man dem Kind
    11 Vgl. Gender – Theorie oder Umerziehungsprogramm? http://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2017/nr-5-14-februar-
    2017/gender-theorie-oder-umerziehungsprogramm.html
    etwas an und verwöhnen es statt dessen, was das Selbstwertgefühl des Kindes schwächt. Sie trauen
    sich nicht, von ihm zu verlangen, daß es sich anstrengen soll oder verfolgen eine Vorstellung von
    früher Autonomie, was innere Haltlosigkeit begünstigen kann. Wie leitet man junge Menschen zu
    einem verbindlichem Mitwirken in Schule, Gemeinde und Familie an? Wie werden
    gemeinschaftliche Bezüge wie konstruktive Grundwerte, gewaltloser Umgang,
    Einfühlungsvermögen, soziale Verantwortung und sinnerfülltes Miteinander in Schule und Familie
    gelegt bzw. gefördert? Solche pädagogischen Fragen erscheinen im Roman nicht.
    Der Kirchenvertreter in Nishni Nowgorod thematisierte demgegenüber das unbedingte Lebensrecht
    jedes einzelnen Menschen, insbesondere der Kinder in einer enthemmten globalisierten Welt.
    Kinderarbeit zur Rohstoffgewinnung sei nach wie vor speziell in Afrika verbreitet. Menschenrechte
    würden nur als Sonntagsreden der Politik vorkommen, der Kolonialismus ginge weiter. Wenn
    kleine Jungen dort sackweise Kakabohnen ernten müßte, ohne selber jemals die daraus fabrizierte
    Schokolade essen zu können, so sei die menschenverachtend. Man presse Millionen Dollar aus der
    Arbeit von kleinen Kindern heraus, was auch für unsere Eletromobilität in Deutschland gelte.
    „Grüne“ Energie in Westeuropa sei insofern verlogen, weil Kinder hier bei ihren Eltern nicht sehen
    würden, daß sie sich für eine lebenswerte Umwelt in anderen Teilen der Welt einsetzen würden.
    Wir berichtet den Pastor pasend zum Thema von einen Leserbrief an din Nürnbeger Nachrichten,
    der nicht veröffentlicht wurde. Was sollte unterdrücklt werden? In den Nordbayerischen
    Nachrichten vom 28.03.2019 war ein Interview mit Jean Ziegler abgedruckt, der lange Jahre als
    Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung (was in Ihrer Darstellung fehlt), gewirkt hat. Im
    Interview spricht er von den Opfern „des täglichen Massenmordes“ an Kindern. Die einleitende
    Frage, die Ziegler u.a. umgetrieben hatte, kam von seinen Enkelkindern: Warum müssen Kinder an
    Hunger sterben? Er beantwortet diese Frage bereits n seinen früheren Büchern wie „Wir lassen sie
    verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“. Seine These lautet ganz einfach und
    realistisch:: „Hunger könnte morgen aus der Welt geschafft sein“. Mit unserer Gier nach Rohstoffen
    verschärfen wir, der sog. „humanitäre“ Westen, wie bei der Frage zu den Kindersoldaten das Elend
    von Kindern vorsätzlich. „Dass die Mächtigen und die Politiker nichts gegen diese Ungerechtigkeit
    [bei der Verteilung von Vermögenswerten] und gegen die Zerstörung der Natur tun, treibt nun
    endlich Kinder und Jugendliche auf die Straße“. Die Arbeit der teilweise vier- bis 12- jährigen
    verelendeten Kinder in den Minen des Kongo für “unsere“ Elektromobilität kann mit Fug und Recht
    als Sklavenarbeit bezeichnet werden, im Netz kursiert bereits die Schlagzeile von den „grünen
    Mördern“. Wollen wir das allen Ernstes? Warum soll das in der Bevölkerung nicht diskutiert
    werden?

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