Lieber tot als hilfsbedürftig?Ein Plädoyer für den Hospizgedanken als Alternative zum assistierten SuizidGiovanni Maio

Lieber tot als hilfsbedürftig?
Ein Plädoyer für den Hospizgedanken als Alternative zum assistierten Suizid
Giovanni Maio

Lieber tot als hilfsbedürftig?
Ein Plädoyer für den Hospizgedanken als Alternative zum assistierten Suizid
Giovanni Maio
Ein Mensch tötet sich selbst, die Medien berichten geradezu euphorisch von einem Kampf
für den eigenen Tod, gar von einem würdevollen Tod, und kaum jemand zeigt Bestürzung.
Wie kann es sein, dass wir scheinbar verlernt haben, adäquat auf einen Suizid zu reagieren?
Wie kann es sein, dass uns nicht mehr die Erschütterung überkommt, wenn wir hören, dass
ein Mensch, der eigentlich noch weiterleben hätte können, zu der Auffassung kam, das
Nicht-Sein sei der Existenz in unserer Gesellschaft vorzuziehen? Eine Gesellschaft, die den
Suizid nicht mit Bestürzung auffasst, sondern ihn als eine nachvollziehbare Tat deklariert,
läuft Gefahr, auch andere Menschen in den Tod zu schicken, weil auf diese Weise das
Signal gesendet wird, dass unsere Gesellschaft den Suizid nachvollziehen könne, dass sie
ihn gar für vernünftig halte. Eine solche Gesellschaft, die es für vernünftig hält, wenn man
im Angesicht von Krankheit Hand an sich legt, ist gefährlich. Denn sie wird viele
Menschen, die mit sich hadern und daran zweifeln, ob ihr Leben noch wertvoll ist und ob
sie nicht etwa nur noch zur Last fallen, erst recht in die Verzweiflung treiben.
Vollkommen verkannt wird hier, dass sich hinter der breiten Zustimmung des assistierten
Suizids nicht weniger verbirgt, als eine verdeckte Tendenz zur totalen Abwertung
verzichtvollen Lebens, eine Tendenz zur Geringschätzung allen behinderten Lebens, eine
Tendenz zur vermeintlich freiwilligen Abschaffung allen gebrechlichen Lebens. So wie das
nicht gesunde Leben schon an seinem Anfang einfach aussortiert werden darf, so wird auch
später das Leben in Krankheit nicht als ein Leben betrachtet, das besonderer Zuwendung
bedarf, sondern immer mehr als ein Leben, das eigentlich doch gar nicht sein müsse, wenn
man nur der „Autonomie“ des Patienten mehr Raum geben würde. Die Autonomie gebiete
es nach dieser Diktion, dass jeder Mensch sagen dürfe, dass er – um anderen nicht zur Last
zu fallen – lieber sterben wolle. Dahinter steckt eine verdeckte Ideologie der
Unabhängigkeit. Verbrämt hinter einer Autonomie-Diskussion findet eine Sichtweise auf
den Menschen Verbreitung, nach der allein der unabhängige und sich selbst 2versorgende
Mensch ein wertvolles und sinnvolles Leben führen kann. Ab dem Moment, da der einzelne
gebrechlicher und angewiesener auf andere wird, wird dieses Leben automatisch zum
Unleben.
Kaum jemand möchte wahrnehmen, dass diese Fiktion eines Lebens in totaler
Unabhängigkeit bis zuletzt nichts anderes ist, als der Größenwahn einer modernen
Gesellschaft, die nur Freiheit und Leistungsfähigkeit als einzige Werte gelten lässt.
Vollkommen verkannt wird hierbei, dass der Mensch von Anfang an und durch seine ganze
Existenz hindurch ein angewiesenes Wesen ist. Die Angewiesenheit ist eine Grundsignatur
seiner Existenz. Die moderne Tendenz, die Angewiesenheit auf die Hilfe Dritter als Ende
der Autonomie zu deuten, kann nur als Ausdruck einer Verdrängung der conditio humana
betrachtet werden, hinter der nichts anderes steckt als die Angst, die Angst vor
Entmächtigung, die Angst vor dem Kontrollverlust, die Angst vor dem Loslassen. Unsere
Gesellschaft möchte diese Angst nicht wahrhaben und deutet sie um in einen Pathos der
Freiheit. Dabei übersieht sie aber, dass echte Freiheit doch eher darin besteht, die
Wesensmerkmale des Menschseins zunächst anzunehmen und zu realisieren, dass man auch
angesichts der eigenen Hinfälligkeit man selbst bleiben kann, indem man lernt, loszulassen,
loszulassen von der Fiktion des durchgängig selbst bestimmten Lebens. Fast ein jeder von
uns wird früher oder später loslassen und sich in die Hand anderer Menschen begeben
müssen, weil das Sterben ohne dieses Loslassen nicht geht. Daher ist die kategorische
Ablehnung dieses Angewiesenheitsverhältnisses nicht weniger als ein Ausdruck von
Verdrängung und Leugnung.
Gerade die Erfahrungen der Hospizbegleiter und der Palliativmedizin machen immer wieder
deutlich, dass der Wunsch zu sterben angesichts einer schweren Krankheit meist als eine Art
Durchgangsstadium zu betrachten ist, als eine erste Resignation, als eine Bestürzung ob der
verloren gegangenen Perspektiven. Wenn wir diesen Menschen einfach nur den Weg zum
assistierten Suizid bahnen, übersehen wir, dass dieses Durchgangsstadium auch überwunden
und bewältigt werden kann, und zwar durch eine Kultur der Angewiesenheit, durch eine
Kultur des Beistands, durch eine Kultur der Sorge. Zentrale gesellschaftliche Aufgabe muss
es sein, den Menschen, die an gesichts einer Erkrankung zunächst verzweifelt sind, etwas
zurückzugeben, was heute in der Autonomiediskussion vollkommen vernachlässigt wird:
und das ist die Zuversicht, der Trost, das Aufzeigen neuer Perspektiven, und seien sie noch
so klein. Solange ein Leben existiert, ist dieses Leben wie ein Licht; man muss nur die
Augen öffnen für dieses Licht, das immer noch leuchtet. Gerade der Hospizdienst und die
Palliativmedizin stehen geradezu symbolisch für diesen Trost und für die Hochschätzung
des Lichts, das solange Leben existiert, immer ein Licht der Freude sein kann. Sie stehen für
Linderung von Schmerzen, Beistand und für das Nichtalleingelassen-sein. Daher wäre es zu
begrüßen, wenn die Öffentlichkeit und die Politik auf die Selbstmorde von Prominenten
nicht mit dem Ruf nach einer Liberalisierung des assistierten Suizids reagieren, sondern sich
auf den Kern des Problems besinnen: und das ist die fehlende Zuversicht vieler kranker und
gebrechlicher Menschen in unserer Gesellschaft, die nicht sicher sind, ob sie wirklich bei
uns erwünscht sind. Je mehr die Politik Signale der Unterstützung des assistierten Suizids
sendet, desto mehr entfernt sie sich von der eigentlichen Aufgabe einer humanen
Gesellschaft, die nur darin liegen kann, Trost und Zuversicht zu spenden und dies erst recht
und gerade bei sterbenden Patienten. Der Hospizdienst und die Palliativmedizin stehen für
ein Leben bis zuletzt und für diesen Trost: ihnen gilt die Zukunft, nicht der
institutionalisierten Beihilfe zum Suizid.
Prof. Dr. med. Giovanni Maio, M.A. (phil.)
Lehrstuhl für Medizinethik
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Stefan-Meier-Strasse 26
79104 Freiburg i.Br.
maio@ethik.uni-freiburg.de
Herausgegeben: