Jan Karski – gelebter Einsatz für die Menschenwürde

Jan Karski – gelebter Einsatz für die Menschenwürde

Interview
weiter unten
Jan Karski – Einer gegen Holocaust

Im Januar 1997 kam Jan Karski, ein 82jähriger emeritierter Professor für Osteuropakunde zu einer einwöchigen Vortragsreise in die Bundesrepublik. Anlaß der Veranstaltungen mit Jan Karski in Bonn und Köln war unter anderem der Antrag der Grünen zur “Entschädigung für die Opfer des Nationalsozialismus in den osteuropäischen Staaten” dessen erste Lesung am 30.1.1997 im Bundestag stattfand.

“Die Überlebenden nicht vergessen …” – unter diesem Motto standen Veranstaltungen, zu denen die Informations- und Beratungsstelle für NS-Verfolgte, die Synagogen-Gemeinde Köln, der Verein EL-DE-Haus Köln, das Bildungswerk der Konrad-Adenauerstiftung am 27. Januar 1997, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, ins Bonner Plenum, am 28.1. in die Kölner Synagoge, eingeladen hatte.

Eingebettet war Karskis Rede in Ansprachen der Abgeordneten Renger, Holtner und Füchs sowie von Alexander Bergmann, der die Situation für die Opfer der Naziverbrechen im Baltikum schilderte.

Die Veranstaltung stand unter Schirmherrschaft von Antja Vollmer, deren Grußworte Volker Beck (Die Grünen) verlas. Tenor ihres Aufrufes war, daß alle NS-Opfer, also auch die in Osteuropa wohnenden, gleichberechtigt entschädigt werden sollten. Eine der Lehren aus der Geschichte bedeute die materielle Unterstützung und Entschädigung der Überlebenden des Holocaust in Mittel- und Osteuropa, die im Gegensatz zu den in Deutschland wohnenden keinerlei Hilfe erhalten.

Einhellige Meinung der Herren Holtner (Aktion Sühnezeichen) und Füchs (Heinrich-Böll-Stiftung) war, daß die Bundesregierung als Rechtsnachfolger des 3. Reiches bis heute den Opfern des Holocaust eine materielle Entschädigung schuldig geblieben sei. Allein schon aus Scham vor der Vergangenheit und als humanitärer Akt müsse hier sofort gehandelt werden. Am Beispiel eines Hugo Prinz, der nach Amerika emigriert war, wurde gezeigt, daß selbst in den USA die Opfer des NS-Staates – in diesem Fall von den Nachfolgeunternehmen der IG-Farben – entschädigt werden.

Alexander Bergmann, ein Überlebender des Holocaust in Lettland, wies ebenfalls auf die Verantwortung der Regierung Deutschlands im Sinne eines “Erbes” der Vergangenheit hin. Er zweifle nicht an der Aufrichtigkeit der Worte, aber diese müßten von einer gleichberechtigten Entschädigung der Überlebenden in Osteuropa begleitet sein. Er beklagte die Selektion West – Ost, die darauf hinausliefe, daß die Opfer ihre Heimatländer verlassen müßten, um hier eine Rentenzahlung zu erhalten. Er und eine in Lettland verbliebenen 88 Leidensgenossen möchten nach den Greueltaten, die sie erfahren haben, in gleicher Weise als Kriegsversehrte anerkannt werden.

“Das demokratische Deutschland ist ein tragender Pfeiler der europäischen Sicherheit und Stabilität.” Der das heute sagt, ist Jan Karski, seit 1942 zum ersten Male wieder in Deutschland – einem Land, dessen Sprache er aus Haß verlernte. Die autobiographische Geschichte “Story of a secret state” war bereits 1944 in Boston erschienen, später vergriffen.

Im Wesentlichen hob Karski in seinem Vortrag hervor, daß die Nachkrieggeneration nicht für die Verbrechen der Väter verantwortlich ist, es eher darum ginge, ihr Mitgefühl zu wecken. Die Juden leben, so Karski, mit einer offenen Wunde, die nicht heilt, der Erinnerung an den Holocaust: “Auch wenn ich kein Jude bin, leide ich. Durch meine Tätigkeit habe ich gesehen, wie hilflos die Juden gelebt haben.” Als der polnische Botschafter in London der englischen Regierung vorgetragen habe, daß die einzige Möglichkeit, den Juden zu helfen, die sofortige Beendigung des Krieges sei, wurde dies abgelehnt. Der Krieg hatte das Ziel, alle Völker der Erde zu befreien und – so hart es klang – nicht nur die Juden. England, so Karski, sei es nicht möglich gewesen, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen! Sein langes Schweigen erscheint vor dem Hintergrund verständlich, daß Karski seine Rolle damals so beschreibt: “Ich habe mich nicht freiwillig als Kurier gemeldet. Man hat mich ausgewählt. Ich war keine glückliche Wahl; für die Polen schon, die Sprache kannte ich, ich war Patriot. Ich habe s nicht gut gemacht. Die Juden hatten mit mir kein Glück.” Wie im Buch “Jan Karski – Einer gegen den Holocaust” ausführlich dargelegt, hat Karski Ereignisse auf sich bezogen, die völlig außerhalb seiner Einflußmöglichkeiten lagen. Es erscheint von daher sinnvoll, diese Aspekte der Weltgeschichte ebenfalls darzustellen.

Die Lektüre von Karskis Buch eröffnet Facetten der Geschichte, die in keiner der beiden Veranstaltungen so benannt wurden: Vorweg sei also gesagt, daß der Titel “Einer gegen den Holocaust” irreführend ist, denn das Buch behandelt sowohl den deutschen als auch den sowjetischen Totalitarismus in Strategie und konkretem Grauen. Es handelt also auch von den Illusionen Einzelner oder von politischen Gruppen über den kommunistischen Terror und den Anbiederungen des Westens zur Erlangung taktischer Vorteile, verdeutlicht Karskis eindeutige Warnung vor dem Kommunismus.

Buchbesprechung

E. Thomas Wood Stanislaw M Janowski,

Jan Karski – Einer gegen den Holocaust, Als Kurier in geheimer Mission, Bleicher Verlag, Gerlingen 1997

Karski hatte 1942 als Kurier des polnischen Untergrundes den Auftrag, die Allierten über die Vernichtung der Juden zu informieren. Doch die Kriegsgegner im Westen blieben passiv, man wollte Stalin nicht verärgern. Heute wissen wir, daß Roosevelt offensichtlich darauf spekulierte, Stalin gegen Japan einsetzen zu können und Churchill Interessen in einer stabilen Beziehung zur Sowjetunion lagen, die Aufteilung Europas mit Stalin beschlossene Sache war – das alles wußte Karski nicht. Viele Gesprächpartner wollten dem Todesboten nicht “glauben”. Fast das gesamte osteuropäische Judentum fiel schließlich dem deutschen Rassenwahn zum Opfer, hatte zuvor bereits Stalin durch die Ermordung von 22 000 Polen mittels eines speziellen Exekutionskommandos des NKVD (dem späteren KGB) – vor allem die militärische und zivile Intelligenz – nicht nur im Wald von Katyn gezeigt, wie er seinen Machtbereich auszudehnen gedachte. Stalin hatte in einem geheimen Zusatzprotokoll mit Hitler 1939 die Aufteilung Polens beschlossen. Da die UDSSR die Genfer Konvention nicht unterschrieben hatte, konnten die sowjetischen Gesetze zur Einführung der Zwangsarbeit und Deportierung nicht nur “bourgoiser Elemente” in die Arbeitslager der Sowjetunion angewendet werden.

Am 5. März 1940 erließ das Politbüro geheime Direktiven für die Exekutionen von Ärzten, Priestern, Rabbinern, Anwälten und Offizieren. Später “durften” die Überlebenden der Lager unter Stalin gegen Hitler kämpfen. Erinnern wir uns: Die Zwangsarbeit war ein wesentlicher Faktor der sowjetischen Planwirtschaft.

Die Arbeit des polnischen Untergrundes zielte darauf ab, alle militärischen Kräfte bis zum “geeigneten Zeitpunkt des Volksaufstandes” zu bündeln. Man war bemüht, daß bei einzelnen Sabotageaktionen keine unschuldigen Zivilisten deutschen Vergeltungsaktionen zum Opfer fielen. Stalin hatte jedoch die militärische Führungsschicht liquidieren lassen; offensichtlich, um sicherzustellen, daß sich kein eigenständiges Polen je wieder erheben konnte.

Den Namen Karski hatte Jan Kozielewski, ursprünglich für den diplomatischen Dienst qualifiziert, im polnischen Untergrund angenommen. Selbst kein Jude, wendete er sich früh gegen Antisemitismus und Ausgrenzung von Andersdenkenden. Seine Mutter praktizierte einen “weitherzigen Katholizismus” und jüdische Schüler gehörten zu Jans Freunden. Der Antisemitismus in Polen kam schon vor der Invasion durch die Nazis sowohl in gewalttätigen Übergriffen als auch durch Vorschriften zum Ausdruck. So gab es einen Numerus Clausus, der an polnischen Universitäten die Aufnahme jüdischer Schüler einschränkte. Karski besaß ein fotographisches Gedächtnis, trat sicher auf, sprach mehrere Sprachen und wurd so als Kurier ausersehen. Um sich durch mitgeführte Materialien für befreundete Untergrundorganisationen und die Exilregierung in London nicht in Gefahr zu bringen, lernte er sie auswendig. Durch Verrat fiel er der Gestapo in die Hände, wurde schwer gefoltert, konnte jedoch mit Hilfe einiger Freunde fliehen. Die um ihre Existenz ringenden Juden in Polen wollten, daß Karski die Regierungen der Allierten in London und Washington, einflußreiche Organisationen, westliche Intellektuelle und Vertreter des Vatikan als Augenzeuge über die Vernichtungsmaschinerie in Kenntnis setzt und um Hilfe bittet. Um authentisch berichten zu können, wurd Karski im Juni 1942 ins Warschauer Getto geschmuggelt, wo von den 450000 Bewohnern des Jahres 1941 noch 50000 fast verhungerte Menschen übrig sind. Das Ausmaß dieses Elends wie auch das in einem von ihm getarnt besuchten KZ überstieg die menschliche Vorstellungskraft. Der Grad an Verrohung bei den Schergen war nicht minder unerträglich; Karski wurde auch Zeuge, wie Hitlerjungen zum “Spaß” Juden erschossen.

Der Kurier aus Polen wurde in London von vier Mitgliedern des Kriegskabinetts, unter ihnen Außenminister Eden, empfangen. “Eden betonte immer wieder, der einzige Weg, den Juden zu helfen, sei, den Krieg so schnell wie möglich zu gewinnen”, berichtete Karski später. Die Allierten lehnten einen Abwurf von Flugblättern über Deutschland zur Aufklärung der Bevölkerung ab – einen Krieg gewinne man nicht mit Flugblättern; Eden strebte sogar an, daß Churchill Karskis Bericht nicht hören sollte. Karski schlug den Briten ebenfalls vor, Juden freizukaufen. Dies wurde abgelehnt, weil die Nazis dann Geld bekämen, um sich Waffen und Rohstoffe zu kaufen (!). Tatsache ist, daß der Westen 1939 nichts zu Polens Verteidigung unternommen hatte. Die Regierung Churchill hatte längst ein Geheimpapier verfaßt, in dem Polens “nachteilige Ostgebiete” an Stalin abgetreten werden sollten (vgl. S. 216).

Karski charakterisierte die kulturelle Zersetzungsstrategie der deutschen Besatzer so: Um die polnische Kultur zu zerstören, sollte nur noch die deutsche Sprache gelten; neben Bordellen wurde auch die Pornographie eingeführt, um die Aufmerksamkeit der Polen abzulenken und Konflikte zu schüren. Verräter versteckter Juden erhielten pro gemeldetem Juden einen Liter Wodka.

Der polnische Untergrund – keineswegs ein einheitliches Gebilde – war in einer verzwickten Lage: Einerseits wurde die Exilregierung mit Sitz in London von den Briten unterstützt, der polnische Untergrund von kommunistischen Kräften unterwandert und bei Gelegenheit an die Gestapo verraten, andererseits war Stalin Teil der Allierten. Wehrten sich die Polen gegen die stalinistischen Ausschaltungsbestrebungen bzw. territorialen Übergriffe, so konnte ihnen das von den Briten als Illoyalität ausgelegt werden. Über den amerikanischen Botschafter bei der polnischen Exilregierung gelangte ein “Geheimbericht” in die USA, der Stalins Pläne deutlich machte – wobei unklar ist, ob Roosevelt diesen Bericht kannte. Ziel Stalins war es demgemäß, die “regierungsgesteuerte Untergrundbewegung” zu liquidieren und eine Revolution in Polen anzuzetteln. Es war die Rede von Bestrebungen der Sowjets, die rechtmäßige Untergrundbewegung bei der Bevölkerung zu diskreditieren, zu unterwandern und die Mitglieder bei der Gestapo zu denunzieren. Moskaus Machenschaften sollten am Ende dazu führen, daß ein Bruch der polnischen Bevölkerung mit der Exilregierung erfolgt und ein von Moskau kontrolliertes “freies” Polen erreichtet wird. Die Morde an den polnischen Offizieren in Katyn wurden den Deutschen angelastet und der Westen akzeptierte Stalins Dementi; der polnische Untergrund jedoch wollte die Gräber von unabhängigen Gruppen, wie etwa dem Roten Kreuz inspizieren lassen. Obwohl der Westen wußte, daß die polnischen Offiziere lange vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges verschwunden waren, unterstellten die Allierten, daß Polen auf deutsche Propaganda hereinfalle. Nun konnte Stalin zuschlagen: Er beschuldigte Polen der geheimen Absprache mit den Nazis und brach die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung ab. Roosevelt wurden Vorschläge unterbreitet, wie das polnische Kabinett umgebildet werden sollte, “um Stalin zufriedenzustellen, der sich weigerte, an eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu Polen zu denken, solange keine neuen Gesichter in der Regierung auftauchten (S. 239).”

Hervorzuheben ist: Die Briten wollten Karski keinesfalls nach Polen zurückreisen lassen, damit er dem polnischen Untergrund nicht über die Teilungspläne der Westmächte informieren konnte.

Das nominelle Staatsoberhaupt der im Londoner Exil lebenden polnischen Nation hatte nach Karskis eindringlichen Schilderungen einen Brief an Papst Pius XII gesandt, in dem er diesen anflehte, seine Stimme gegen die zu erheben, die “die Gesetze Gottes mir Füßen treten, die menschenwürde mißachten und Hunderttausenden von Unschuldigen ermorden.” Als Beipiel führte das Staatsoberhaupt den Protest Warschauer Katholiken gegen die Ermordung von Juden an. Die Reaktion des Vatikan wird im Buch so beschreiben: Der Papst antwortete mit einem abweisenden, unfreundlichen Brief, “in dem es hieß, er habe alles in seiner Macht stehende für die Leidenden in Polen getan” (S. 208).

Karski, der sich immer bemühte überparteilich der Menschlichkeit zu dienen, mußte immer wieder erkennen, daß einzelne Gruppen doch glaubten, durch Stillhalten und Schweigen dem Unrecht gegenüber doch Schonung zu erlangen. Obwohl spätestens 1942 die nationalssozialistische “Endlösung der Judenfrage” bekannt war, rieten sowohl das britische als auch das amerikanische Außenministerium jüdischen Repräsentanten die Kenntnisse über die Greuel nicht zu veröffentlichen. Weil die Geheimberichte nicht mehr zu ignorieren waren und in New York beipielsweise Juden und Nichtjuden die Arbeit niederlegten, konnten die Allierten nicht umhin, in einem Kommunique die Bestrafung der Nazi-Verbrecher nach dem Krieg anzukündigen. Historisch war damit zwar erstmalig im internationalen Recht ein “Meilenstein” gesetzt worden, zu einer Schweigeminute im englischen Parlament und anderen symbolischen Akten kommentierte Goebbels:

“An der Klagemauer haben sie den alttestamentarischen jüdischen Fluch über den Führer, Göring, Himmler und mich heraufbeschworen. Bis jetzt habe ich noch keine Wirkung auf mich verspürt” (S. 205).

Verbittert über die Vergeblichkeit seiner lebensgefährlichen Reisen durch Nazi-Deutschland nach Frankreich, England und schließlich sogar Amerika schwieg Karski 40 Jahre lang.

Karskis Beispiel stellt für uns ein Vorbild dar, wie man uneigennützig und unermüdlich, ohne Nachteile zu scheuen, sich gegen den Inhumanismus engagieren kann – gegenwärtig ist es noch nicht wieder so weit, daß man bei politisch inkorrekter Haltung oder gar Handlung abgeholt wird.

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.